Neue Erkenntnisse zur Genetik von Angststörungen: 58 Gene und ein gemeinsamer Mechanismus
- Ina Ehlers
- 7. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Was wir über die Ursachen von Angststörungen gerade gelernt haben
Etwa jeder vierte Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens eine Angststörung. Diese können sich sehr unterschiedlich äußern: als plötzliche Panikattacken, als dauernde Besorgnis im Alltag oder als intensive Angst vor bestimmten Situationen. Lange Zeit war unklar, warum manche Menschen anfälliger für diese Störungen sind als andere. Ein internationales Forschungsteam hat diese Frage gerade auf völlig neue Weise beantwortet.
Die Studie: Ein neuer Meilenstein
Forscher unter Leitung von Nora Strom haben die bislang größte genetische Studie zu Angststörungen durchgeführt. Sie analyserten die Gene von über 122.000 Menschen, die an Angststörungen leiden, sowie von mehr als 700.000 Kontrollpersonen – alle mit europäischem Hintergrund. Die Ergebnisse wurden im Februar 2026 in der renommierten Fachzeitschrift Nature Genetics veröffentlicht und bestätigen etwas, das lange vermutet wurde: Es gibt kein einzelnes „Angstgen".
Das Ergebnis: Nicht ein Gen, sondern 58
Statt ein oder zwei Hauptgene zu finden, identifizierten die Forscher 58 genetische Varianten, die das Risiko für Angststörungen erhöhen. Jede dieser Varianten trägt nur einen kleinen Teil zum Gesamtrisiko bei – ähnlich wie viele kleine Puzzlestücke zusammen ein Bild ergeben.
Dies ist wichtig zu verstehen: Die Genetik von Angststörungen funktioniert nicht nach dem Muster „hast du dieses Gen, bekommst du die Störung". Stattdessen ist es so, dass Menschen, die mehrere dieser 58 Varianten erben, ein erhöhtes Risiko haben. Dies erklärt auch, warum manche Menschen mit familiärer Vorbelastung niemals eine Angststörung entwickeln, während sie bei anderen trotz weniger genetischer Risikofaktoren auftritt – Umweltfaktoren spielen ebenfalls eine große Rolle.

GABA-Signalisierung: Der biologische Mechanismus
Eine besonders interessante Entdeckung betrifft das Signalisierungssystem GABA (Gamma-Aminobuttersäure) im Gehirn. Die Forscher fanden heraus, dass die 58 genetischen Varianten besonders in Genen konzentriert sind, die mit GABAergischer Signalisierung zu tun haben.
Das ist deshalb bedeutsam, weil GABA der wichtigste beruhigende Neurotransmitter unseres Gehirns ist. Er wirkt wie ein natürliches Bremspedal für Angst und Erregung. Viele bewährte Angstmedikamente – die Benzodiazepine – wirken genau auf dieses System. Diese neue Erkenntnis bestätigt wissenschaftlich, warum diese Medikamente bei Angststörungen helfen, und eröffnet auch Perspektiven für die Entwicklung neuer, präziserer Behandlungen.
Die Überschneidungen: Warum Angststörungen oft mit Depression zusammengehen
Ein besonders spannender Befund war, dass die genetischen Risikofaktoren für Angststörungen stark mit den Genen überlappen, die für Depression, erhöhte Neurotizismus und sogar posttraumatische Belastungsstörungen verantwortlich sind. Das erklärt, warum diese Störungen so häufig zusammen auftreten.
Die Forscher sprechen hier von „gemeinsamen genetischen Grundlagen" – wie wenn mehrere psychische Erkrankungen auf derselben biologischen Schaltkarte sitzen, sich aber je nach Umständen unterschiedlich äußern. Das bedeutet auch, dass eine Person, die genetisch für Angststörungen anfällig ist, auch ein erhöhtes Risiko für Depression haben kann – was wir in der Praxis tatsächlich oft beobachten.

Was bedeutet das für Sie als Patient oder Patientin?
Diese Ergebnisse können auf mehrere Weisen hilfreich sein:
Weniger Selbstvorwürfe: Wenn Sie an einer Angststörung leiden, kann es tröstlich sein zu wissen, dass dies nicht einfach eine Schwäche oder mangelnde Willenskraft ist, sondern dass biologische, genetische Faktoren eine Rolle spielen.
Früherkennung: In Zukunft könnte es möglich sein, Menschen mit erhöhtem genetischem Risiko früher zu identifizieren und ihnen präventive Unterstützung anzubieten – bevor sich eine Angststörung vollständig entwickelt.
Bessere Behandlung: Das Verständnis der biologischen Mechanismen hilft, neue und bessere Behandlungen zu entwickeln, die gezielter auf die zugrunde liegenden Probleme wirken.
Was bedeutet das für Sie als Therapeut oder Therapeutin?
Diese Forschung unterstützt verschiedene klinische Ansätze:
Validierung der biologischen Basis: Die Studie liefert starke wissenschaftliche Evidenz dafür, dass Angststörungen echte biologische Erkrankungen sind – etwas, das manchmal sowohl Patienten als auch Fachleute anzweifeln.
Polygenes Risikoscoring: Die 58 identifizierten Varianten könnten in Zukunft zu genetischen Tests führen, die das individuelle Risiko bewerten. Dies ist jedoch derzeit noch experimentell und nicht für die klinische Routine verfügbar.
Kombinierte Behandlungsansätze: Die Erkenntnis, dass Angststörungen, Depression und Neurotizismus gemeinsame genetische Grundlagen haben, unterstützt integrative Behandlungsansätze, die sowohl Angst als auch depressive Symptome berücksichtigen.
Pharmakologische Forschung: Das Highlight auf GABAergische Signalisierung könnte zur Entwicklung neuer Medikamente mit besserer Verträglichkeit führen.
Ein wichtiger Hinweis: Gene sind nicht Schicksal
Abschließend ist es essentiell zu betonen: Genetische Anfälligkeit ist kein Schicksal. Die Gene erhöhen das Risiko, sagen aber nicht endgültig aus, ob jemand an einer Angststörung erkrankt oder nicht. Umweltfaktoren – wie Stress, Trauma, Lebensereignisse, aber auch Bewegung, Schlaf und soziale Unterstützung – spielen eine ebenso wichtige Rolle. Die beste Behandlung verbindet meist Psychotherapie, möglicherweise medikamentöse Unterstützung und Lebensstiländerungen.
Quelle: Strom, N.I., Verhulst, B., Bacanu, SA. et al. Genome-wide association study of major anxiety disorders in 122,341 European-ancestry cases identifies 58 loci and highlights GABAergic signaling. Nature Genetics, 3. Februar 2026, DOI 10.1038/s41588-025-02485-8



Kommentare