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Deutschland 2025/6: Wovor haben wir wirklich Angst?


Der Angstindex der Deutschen ist gesunken – und das überrascht. Kriege, Inflation, politische Unsicherheit: Die Welt ist nicht ruhiger geworden. Und trotzdem blicken die Menschen in Deutschland 2025 weniger ängstlich auf die Zukunft als noch ein Jahr zuvor. Was steckt dahinter?


„Nach mehreren Jahren, die von Pandemie, Energiekrise und Kriegsausbrüchen geprägt waren, haben sich die Menschen an eine Art Dauerkrise gewöhnt."

Prof. Isabelle Borucki, Philipps-Universität Marburg


Der Angstindex auf zweitniedrigsten Stand seit 34 Jahren


Seit 1992 befragt die R+V Versicherung jährlich rund 2.400 Bürgerinnen und Bürger ab 14 Jahren zu ihren größten politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Sorgen. Der sogenannte Angstindex – ein Durchschnittswert aller abgefragten Themen – ist 2025 auf nur noch 37 Prozent gefallen. Im Vorjahr lag er noch bei 42 Prozent.



Die Top-10 der deutschen Ängste 2025


Finanzielle und politische Sorgen dominieren das Ranking. Geld- und Existenzangst bleiben das beherrschende Thema – zum 15. Mal in Folge belegen steigende Lebenshaltungskosten den ersten Platz.


1 Steigende Lebenshaltungskosten 52 %

2 Überforderung des Staats durch Geflüchtete 51 %

3 Steuererhöhungen / Leistungskürzungen 49 %

4 Unbezahlbares Wohnen 48 %

5 Autoritäre Herrscher weltweit 47 %

6 Trumps Politik macht die Welt gefährlicher 45 %

7 Spannungen durch Zuzug aus dem Ausland 45 %

8 Überforderung der Politikerinnen und Politiker 42 %

9 Rezession / schlechtere Wirtschaftslage 42 %

10 KI gefährdet die Gesellschaft (neu) 32 %


Interessant: Die Angst vor einer Rezession sank im Vergleich zum Vorjahr um 7 Prozentpunkte – obwohl die Wirtschaftsprognosen kaum rosiger wurden. Experten erklären das mit dem Phänomen der "Krisengewöhnung".


Was geringer wurde – und warum das nicht unbedingt gut ist


Mehrere Ängste haben 2025 historische Tiefststände erreicht. Die Angst vor Naturkatastrophen liegt bei 36 Prozent – dem niedrigsten Wert seit Aufnahme in die Studie. Die Angst um den eigenen Arbeitsplatz sank auf nur noch 21 Prozent, ebenfalls ein Rekordtief. Auch die Sorge vor Atomkraft-Störfällen ist seit der Abschaltung der deutschen AKW auf rund 20 Prozent gesunken.

Aber: Abstumpfung ist nicht dasselbe wie Sicherheit. Der Ausnahmezustand kann zum Normalzustand werden – und damit reale Risiken aus dem Bewusstsein verschwinden lassen.



Jugendliche unter Druck: Die COPSY-Studie 2025


Während Erwachsene weniger besorgt wirken, zeigen aktuelle Daten des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) ein anderes Bild bei Kindern und Jugendlichen. Die achte Befragungsrunde der COPSY-Studie (Dezember 2025) zeigt: Die psychische Gesundheit junger Menschen ist weiterhin schlechter als vor der Corona-Pandemie.


25 % Angstsymptome bei Kindern & Jugendlichen

23 % allgemeine psychische Probleme

70 % machen sich Sorgen wegen Kriegen

57 % Sorge wegen wirtschaftlicher Probleme


Besonders auffällig: Bei Mädchen ab 14 Jahren nahmen Angst- und depressive Symptome von 2024 auf 2025 signifikant zu. Eine Zukunftsangst tritt laut COPSY häufiger bei Jugendlichen mit geringer gesundheitsbezogener Lebensqualität und bestehenden psychischen Problemen auf – ein Teufelskreis.


Die Mittelschicht und die Angst vor dem sozialen Abstieg


Eine aktuelle SoVD-Umfrage (2026) zeigt: Fast 40 Prozent der Bevölkerung blicken mit Sorge auf das Jahr 2026 und befürchten finanzielle Einbußen. Besonders betroffen sind junge Menschen, Haushalte mit Kindern und Beschäftigte in unteren Einkommensgruppen.

Eine Stressstudie belegt: 66 Prozent der Mittelschicht mit einem Monatseinkommen zwischen 2.000 und 4.000 Euro haben Angst vor der Zukunft. Bei den 25- bis 44-Jährigen fühlen sich über 52 Prozent durch finanzielle Sorgen und Abstiegsangst gestresst.


Ost und West: Immer noch zwei Angstwelten

Trotz rückläufiger Migrationszahlen liegt die Furcht vor Überforderung des Staates durch Geflüchtete in Ostdeutschland bei 56 Prozent – gegenüber 47 Prozent im Westen. Wirtschaftliche Sorgen sind im Osten generell stärker ausgeprägt, und kulturelle Verunsicherung durch Zuwanderung koppelt sich dort häufiger an materielle Ängste.


Was bedeutet das alles?

Die Zahlen zeichnen ein komplexes Bild: Deutschland atmet vorsichtig auf – aber die großen Probleme sind nicht gelöst. Die Kosten bleiben hoch, der Wohnungsmarkt bleibt angespannt, und politisches Vertrauen bleibt dünn. Der sinkende Angstindex ist kein Zeichen von Entspannung, sondern von Gewöhnung.

Was uns dieser Datensatz wirklich sagt: Alltagsängste – Miete, Supermarkt, Energiekosten – sitzen tiefer als abstrakte Krisen. Und genau das macht sie so hartnäckig.


Quellen:

R+V Versicherung: Die Ängste der Deutschen 2025 – Repräsentativstudie, 2.400 Befragte, September 2025. ruv.de

ZDF heute: Studie zeigt, wovor die Menschen in Deutschland Angst haben, 18. September 2025. zdfheute.de

Euronews: Angstindex – Inflation, Migration, R+V, 19. September 2025. euronews.com

COPSY-Studie, 8. Befragungsrunde, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), veröffentlicht Dezember 2025. jugendgerecht.de

SoVD-Umfrage 2026: 40 % fürchten sozialen Abstieg. verbandsbuero.de

Statista / R+V: Größte Angst der Deutschen 1999–2024. statista.com

 
 
 

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