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Höhenangst überwinden: Warum Ihnen in der Höhe schwindelig wird – und was wirklich dagegen hilft

Lesezeit ca. 7 Minuten


Es sind oft die alltäglichen Dinge, an denen Menschen mit Höhenangst merken, wie sehr sie ihr Leben einschränkt. Nicht die Bergwanderung, auf die man verzichten kann, sondern die Wendeltreppe im Parkhaus, das Fenster im dritten Stock, an das man nicht herantritt, der Balkon bei Freunden, auf dem alle anderen entspannt stehen, während man selbst mit dem Rücken zur Wand bleibt und hofft, dass es niemand bemerkt. Manche meiden sogar die Leiter beim Gardinenaufhängen und bitten lieber jemanden um Hilfe.


Wenn Sie das kennen, dann beginne ich diesen Text mit etwas, das viele Betroffene noch nie so gehört haben: Der Schwindel, der Sie in der Höhe überkommt, ist nicht bloß ein Gefühl, dass Ihr Kopf sich ausdenkt. In Ihrem Körper geschieht dabei etwas sehr Konkretes und gut Untersuchtes – und wenn man versteht, was das ist, versteht man auch, warum bloßes Zusammenreißen noch nie funktioniert hat und was stattdessen tatsächlich hilft.


Wie verbreitet Höhenangst wirklich ist – und wo die Grenze zur harmlosen Variante verläuft

Zunächst zur Einordnung, denn hier gibt es eine Verwechslung, die viel Verunsicherung stiftet. Wenn Sie lesen, dass „bis zu 28 Prozent" der Menschen unter Höhenangst litten, und sich fragen, ob Ihre eigene Angst dann überhaupt behandlungswürdig ist – diese Zahl beschreibt etwas anderes als das, was Sie vermutlich meinen.

Die Forschung unterscheidet nämlich auf einem Spektrum. Am einen Ende steht die sogenannte visuelle Höhenintoleranz: ein mulmiges Gefühl, leichter Schwindel, ein Griff zum Geländer – das kennen etwa achtundzwanzig Prozent der Erwachsenen, Frauen etwas häufiger als Männer, und es ist völlig normal und meist harmlos.

Am anderen Ende steht die eigentliche Höhenangst, in der Fachsprache Akrophobie: eine Furcht, die so stark wird, dass sie das Verhalten bestimmt, Situationen unmöglich macht und mitunter bis zur Panik reicht. Von dieser ausgeprägten Form sind je nach Untersuchung etwa drei bis sechs Prozent der Menschen im Lauf ihres Lebens betroffen.

Das ist also der Unterschied zwischen dem beklommenen Blick vom Aussichtsturm, den fast jeder kennt, und einer Angst, die einen die Treppe im Parkhaus meiden lässt. Nur die zweite schränkt ein – und nur um sie geht es hier. Bemerkenswert ist dabei ein Befund aus den Langzeitstudien: Beginnt die Höhenangst erst im Erwachsenenalter, bleibt sie meist bestehen, wenn man nichts unternimmt. Sie wächst sich also in der Regel nicht von selbst aus.


Warum Ihnen in der Höhe wirklich schwindelig wird

Und hier kommt das Detail, das die Höhenangst von den meisten anderen Ängsten unterscheidet und das ich für den Kern dieses Textes halte. Ihr Gleichgewicht hält Ihr Körper nicht mit einem einzigen Sinn aufrecht, sondern indem er drei Informationsquellen ständig miteinander abgleicht: die Augen, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und die Rückmeldungen aus Muskeln und Gelenken darüber, wie gerade Sie stehen.


Solange Sie festen Boden unter sich haben und ringsum Wände, Möbel und Gegenstände in erreichbarer Nähe sind, funktioniert dieser Abgleich mühelos. In der Höhe aber verändert sich eine dieser Quellen: Die nahen Bezugspunkte, an denen sich Ihre Augen normalerweise orientieren, rücken plötzlich in weite Ferne. Der Boden ist tief unten, die Umgebung weit weg, und die visuelle Information darüber, ob Sie schwanken oder stillstehen, wird dadurch unzuverlässig.


Was der Körper daraufhin tut, ist eigentlich klug gemeint, wird aber zum Problem: Er verlässt sich in der Höhe noch stärker als sonst auf die Augen – ausgerechnet auf jene Quelle, die hier gerade am wenigsten verlässlich ist. Untersuchungen haben genau das gemessen: Menschen mit starker Höhenangst reagieren mit einer übermäßigen Versteifung der Körperhaltung und feinen, schnellen Ausgleichsbewegungen, weil sie den unsicheren Seheindrücken zu viel Gewicht geben. Der Schwindel, den Sie spüren, ist also körperlich real – das Ergebnis eines Gleichgewichtssystems, das mit widersprüchlichen Informationen ringt.

Interessant ist übrigens, dass die körperlichen Anspannungssymptome ab einer gewissen Höhe nicht weiter zunehmen – Messungen zeigen ein Sättigen bei etwa zwanzig Metern. Die Angst selbst aber kann bei Betroffenen noch deutlich darüber hinaus ansteigen. Ein feiner, aber wichtiger Hinweis darauf, dass ein erheblicher Teil der Höhenangst nicht in der Höhe selbst liegt, sondern in dem, was Ihr Denken aus der Situation macht.


Was die Angst eigentlich schützen will

Ich arbeite in meiner Praxis grundsätzlich nicht gegen eine Angst, sondern zuerst mit dem Verständnis dessen, wovor sie warnen möchte. Bei der Höhenangst ist diese Warnung im Ursprung durchaus sinnvoll: Eine gewisse Vorsicht an Abgründen hat unseren Vorfahren das Überleben gesichert, und ein Rest davon steckt in jedem von uns – deshalb wird fast jedem an einer Klippe etwas mulmig. Bei der ausgeprägten Höhenangst aber meldet sich diese Vorsicht viel zu früh, viel zu laut und in Situationen, in denen keine wirkliche Gefahr besteht, etwa hinter einem gesicherten Geländer im vierten Stock.


Hinzu kommt bei vielen Betroffenen ein zweiter Kreislauf. Wer einmal in der Höhe Schwindel, Herzklopfen oder weiche Knie gespürt hat, beginnt, diese Körperempfindungen selbst als bedrohlich zu deuten – als Vorboten eines Sturzes. Dann fürchtet man sich nicht mehr nur vor der Höhe, sondern auch vor den eigenen Reaktionen darauf, und diese Deutung verstärkt die Angst weiter. Genau hier lässt sich ansetzen.



Warum sich daran etwas ändern lässt

Vielleicht denken Sie: Wenn das so tief im Körper sitzt, wie soll sich daran je etwas ändern? Hier hilft ein Blick auf eine Eigenschaft Ihres Gehirns, die lange unterschätzt wurde. Es bleibt bis ins hohe Alter formbar und richtet sich nach den Erfahrungen, die es macht – Neuroplastizität nennt die Forschung das.

Das heißt nicht, dass sich die alte Verknüpfung „Höhe bedeutet Absturz" einfach entfernen ließe - sie bleibt bestehen. Aber Ihr Gehirn kann daneben eine zweite, belastbarere Erfahrung setzen, die in der Situation stärker wiegt.

Der Weg dorthin führt nicht über gutes Zureden, sondern über einen schlichten Abgleich: Sie tragen eine Vorhersage in sich – ich verliere die Kontrolle, der Schwindel zieht mich hinunter, ich könnte fallen – und Sie machen, Schritt für Schritt und stets gesichert, die Erfahrung, dass es anders kommt. Sie bleiben stehen, auch mit weichen Knien. Die Empfindung ebbt ab, wenn Sie ihr Raum geben. Je deutlicher der Unterschied zwischen dem Befürchteten und dem tatsächlich Erlebten ausfällt, desto tragfähiger wird das Neue. Fachlich heißt dieser Vorgang Hemmungslernen, und er gilt heute als der am besten belegte Wirkweg bei Ängsten.


Wie gut das gelingt, zeigt die Forschung erfreulich deutlich. In einer kontrollierten Studie genügten bereits drei Sitzungen einer gestuften Höhen-Übung in virtueller Umgebung, um Höhenintoleranz und vor allem das Vermeiden deutlich zu verringern – und die Besserung hielt bei der Nachuntersuchung zwei Monate später an. Das ist auch deshalb aufschlussreich, weil es zeigt, wie wenig es das reale Hochhaus braucht: Was Ihr Gehirn lernt, ist der neue Umgang mit der Situation und den eigenen Körperempfindungen, nicht die Höhe an sich.



Wie ich mit Höhenangst arbeite

Mein Vorgehen folgt genau diesem Gedanken: erst verstehen, dann in machbaren Schritten neu erleben. Zu Beginn klären wir, wie sich Ihre Höhenangst zusammensetzt – wie viel davon der körperliche Schwindel ausmacht und wie viel die Gedanken an Kontrollverlust. Denn beides braucht einen anderen Zugang: Für die körperliche Seite gibt es konkrete Übungen im Umgang mit Schwindel und Standunsicherheit, für die gedankliche Seite arbeiten wir an den Vorhersagen, die die Angst so laut werden lassen.


Darauf baut Ihre persönliche Schritt-für-Schritt-Leiter auf. Wir setzen dort an, wo Sie heute stehen – oft weit vor der realen Höhe, bei Bildern, Filmen, der bloßen Vorstellung – und gehen weiter in Schritten, die klein genug sind, dass Sie sie tatsächlich gehen, und groß genug, dass sich etwas bewegt.

Und das geschieht nicht in einem einzigen überfordernden Termin, sondern über einen überschaubaren Zeitraum, in dem Sie zwischen unseren Gesprächen üben nach einem individuellen Plan – dort, wo Ihre Angst zu Hause ist: auf der Treppe, am Fenster, auf dem Balkon, auf der Brücke.


Wann die Intensivbegleitung das Richtige ist – und wann nicht

Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich diesen Text ohne eine Einschränkung enden ließe. Die Intensivbegleitung bei spezifischen Ängsten wirkt bei einer klar umschriebenen Angst, die sich gefahrlos und wiederholt üben lässt – und die Höhenangst gehört ebenfalls zu den Paradebeispielen dafür.

Zwei Dinge gehören aber vorab geklärt. Tritt Ihr Schwindel auch unabhängig von Höhen auf, etwa im Sitzen oder Liegen, dann steht zuerst eine ärztliche Abklärung an, weil dahinter eine körperliche Ursache im Gleichgewichtssystem stehen kann, die mit Angst nichts zu tun hat. Und wenn Ihre Angst Teil eines umfassenderen Musters ist, das viele Bereiche Ihres Lebens durchzieht, oder wenn Panikzustände ohne erkennbaren Auslöser dazukommen, dann braucht es einen breiteren Rahmen als dieses Format.


Genau dafür gibt es das Eignungsgespräch am Anfang – eine fachliche Einschätzung in beide Richtungen. Passt etwas anderes besser zu Ihnen, sage ich Ihnen das offen und helfe Ihnen weiter.

Was ich Ihnen zum Schluss mitgeben möchte: Wie lange Sie diese Angst schon kennen, sagt wenig darüber aus, wie gut sie sich lösen lässt. Was bisher fehlte, war nicht der Wille, sondern die Gelegenheit, in der Höhe eine andere Erfahrung zu machen – das Ausweichen kam ihr stets zuvor. Diese Gelegenheit lässt sich herstellen.



Häufige Fragen zur Höhenangst


Ist Höhenangst eine der häufigsten Ängste?

Ja. Die ausgeprägte Höhenangst (Akrophobie) betrifft je nach Untersuchung etwa drei bis sechs Prozent der Menschen im Lauf ihres Lebens und zählt damit zu den verbreitetsten spezifischen Ängsten. Rechnet man die leichtere, meist harmlose Höhenunsicherheit hinzu, kennt sie rund ein Viertel bis ein Drittel der Erwachsenen. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer.


Warum wird mir in der Höhe schwindelig?

Ihr Gleichgewicht beruht auf dem Zusammenspiel von Augen, Innenohr und Rückmeldungen aus dem Körper. In der Höhe rücken die nahen Bezugspunkte, an denen sich Ihre Augen orientieren, in die Ferne, und der Seheindruck wird unzuverlässig. Der Körper verlässt sich dann verstärkt auf genau diese unsichere Information und reagiert mit Verspannung und feinen Ausgleichsbewegungen – das erleben Sie als Schwindel. Er ist körperlich real und lässt sich gezielt beüben.


Ist Höhenangst dasselbe wie Schwindel oder Vertigo?

Nein. Beim echten Drehschwindel (Vertigo) liegt meist eine Ursache im Gleichgewichtsorgan des Innenohrs, und er tritt unabhängig von Höhen auf. Die Höhenangst dagegen ist an Höhensituationen gebunden und von Furcht und Vermeidung geprägt. Tritt Ihr Schwindel auch im Sitzen oder Liegen auf, sollte zunächst eine ärztliche Abklärung erfolgen.


Muss ich am Ende auf einen hohen Turm steigen?

Nein, jedenfalls nicht als Bedingung. Wir beginnen weit vor der realen Höhe – bei Bildern, Filmen, der Vorstellung – und jeder Schritt wird gemeinsam geplant und ist nur so groß, dass Sie ihn gehen können. Wie weit die Annäherung am Ende reicht, richtet sich nach Ihrem Ziel. Ganz ohne gesicherte Annäherung geht es allerdings nicht, denn genau sie ermöglicht Ihrem Gehirn die neue Erfahrung.

 
 
 

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