PANIKATTACKEN - Siebenundvierzig Minuten vorher
Fast alle Betroffenen beschreiben ihre erste Panikattacke als ein Ereignis, das ohne jede Vorwarnung über sie hereinbrach. Messungen im Alltag zeichnen ein anderes Bild. Was in diesen Minuten im Körper abläuft, ist inzwischen gut untersucht – bis hin zu der Frage, wann er eigentlich damit anfängt.
Tobias R. steht an einem Dienstagabend an der Kühltheke eines Supermarkts, als sein Herz zu rasen beginnt. Innerhalb weniger Sekunden wird ihm heiß, die Beine fühlen sich fremd an, und das Licht der Deckenleuchten erscheint ihm plötzlich zu grell. Er stellt den Korb ab, weil er sicher ist, gleich umzukippen. Ein Gedanke drängt sich in den Vordergrund und lässt sich nicht mehr wegschieben: Ich sterbe hier.
Zwei Stunden später sitzt der 41-Jährige in einer Notaufnahme. Das EKG ist unauffällig, die Blutwerte sind es auch, der Arzt spricht von einer Stressreaktion und empfiehlt, es ruhiger angehen zu lassen. Tobias R. verlässt das Krankenhaus mit einem Gefühl, das viele Betroffene kennen: erleichtert und gleichzeitig überhaupt nicht beruhigt. Denn irgendetwas ist ja passiert. Er hat es gespürt, von Kopf bis Fuß.
Was eine Panikattacke ist
Fachlich handelt es sich um eine klar umrissene Episode: eine plötzlich einsetzende Woge intensiver Angst oder intensiven Unbehagens, die innerhalb weniger Minuten ihren Höhepunkt erreicht und dabei von mindestens vier von dreizehn typischen Körper- und Wahrnehmungssymptomen begleitet wird. Beide großen Diagnosesysteme, das amerikanische DSM-5 und die internationale Klassifikation ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation, verwenden im Kern dieselbe Beschreibung. Die meisten Attacken dauern zwischen fünf und dreißig Minuten und klingen von selbst wieder ab, auch wenn dieser Zeitraum im Erleben erheblich länger wirkt.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen dem Ereignis und der Erkrankung.

Die Panikattacke selbst ist keine Diagnose, sondern ein Symptom, das bei sehr vielen psychischen Belastungen und auch ohne jede Erkrankung auftreten kann. Eine große amerikanische Bevölkerungsstudie unter mehr als 9000 Erwachsenen fand, dass rund 23 Prozent der Befragten im Lauf ihres Lebens mindestens eine Panikattacke erlebt hatten, ohne jemals die Kriterien einer Panikstörung zu erfüllen. Diese lagen mit etwa fünf Prozent deutlich darunter.
Von einer Panikstörung sprechen Fachleute erst dann, wenn die Attacken wiederholt und unerwartet auftreten und wenn sich daraus etwas Zweites entwickelt: die anhaltende Sorge vor der nächsten Attacke, oft begleitet von Verhaltensänderungen. Betroffene meiden dann Autobahnen, Aufzüge, Menschenmengen oder das Alleinsein, tragen Wasserflaschen und Beruhigungsmittel mit sich oder setzen sich in Veranstaltungen grundsätzlich an den Rand. In der Fachsprache heißt dieses Phänomen Erwartungsangst, umgangssprachlich Angst vor der Angst.
Die dreizehn Symptome
Für eine Panikattacke müssen mindestens vier der folgenden Beschwerden gleichzeitig auftreten:
Herzklopfen oder beschleunigter Herzschlag · Schwitzen · Zittern · Kurzatmigkeit oder Atemnot · Erstickungsgefühle · Schmerzen oder Beklemmung in der Brust · Übelkeit oder Bauchbeschwerden · Schwindel, Benommenheit oder Ohnmachtsgefühl · Hitzewallungen oder Kälteschauer · Taubheit oder Kribbeln · das Gefühl, neben sich zu stehen oder die Umgebung sei unwirklich · Angst, die Kontrolle zu verlieren oder verrückt zu werden · Angst zu sterben
Was der Körper dabei tut
Was Tobias R. an der Kühltheke erlebt hat, ist physiologisch betrachtet nichts Ungewöhnliches. Es ist die vollständige, gut koordinierte Notfallreaktion des Körpers, wie sie bei einer realen Gefahr ablaufen würde – nur eben ohne Gefahr.
Innerhalb von Sekunden schüttet der Organismus Adrenalin aus. Das Herz schlägt schneller und kräftiger, damit die Muskulatur mehr Sauerstoff erhält. Die Atmung beschleunigt sich aus demselben Grund. Die Blutgefäße in Händen und Füßen verengen sich, weil das Blut im Zentrum des Körpers gebraucht wird – daher die kalten Finger und das Kribbeln. Die Verdauung wird heruntergefahren, was als Übelkeit oder flaues Gefühl im Bauch wahrgenommen wird. Die Pupillen weiten sich, wodurch Licht greller erscheint.
Besonders aufschlussreich ist die Rolle der Atmung. Wer schneller atmet, als der Körper es im Ruhezustand benötigt, senkt den Kohlendioxidgehalt im Blut. Die Folge sind Schwindel, Benommenheit, Kribbeln um den Mund und in den Fingerspitzen sowie das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen – obwohl das Gegenteil der Fall ist. Genau dieses Symptom treibt viele Betroffene in die Überzeugung, gleich zu ersticken.
Keiner dieser Vorgänge ist gefährlich. Sie sind das Ergebnis einer Reaktion, die evolutionär dafür gebaut wurde, einen Menschen sehr schnell in Bewegung zu bringen. Sie richtet keinen Schaden an, sie ist selbstbegrenzend, und sie endet auch dann, wenn man nichts unternimmt.
Das Modell vom Teufelskreis
Warum eskaliert die Reaktion dann überhaupt? Die bis heute einflussreichste Erklärung stammt von dem britischen Psychologen David M. Clark, der 1986 das Modell des Teufelskreises der Panik formulierte.
Am Anfang steht ein unbewusster Gedanke und eine harmlose Körperempfindung: ein Herzstolpern nach dem Treppensteigen, ein Schwindelgefühl beim schnellen Aufstehen, ein Ziehen in der Brust. Bei den meisten Menschen bleibt sie unbemerkt oder wird beiläufig eingeordnet. Wer dagegen dazu neigt, solche Empfindungen als bedrohlich zu deuten, richtet die Aufmerksamkeit sofort darauf – und die Deutung selbst erzeugt Angst. Angst wiederum verstärkt genau jene körperlichen Symptome, die den Verdacht ausgelöst hatten. Das Herz schlägt tatsächlich schneller, der Schwindel nimmt tatsächlich zu. Die Befürchtung scheint sich zu bestätigen, die Angst steigt weiter, und binnen weniger Minuten ist die Attacke vollständig entfaltet.

Die deutschen Psychologen Anke Ehlers und Jürgen Margraf haben dieses Modell Ende der achtziger Jahre erweitert und dabei auch beschrieben, warum der Kreis nicht endlos weiterläuft: Erschöpfung der Stressreaktion, Gewöhnung und das Erleben von Handlungsfähigkeit bremsen ihn wieder ab. Dass eine Panikattacke von allein endet, hören viele Betroffene erst im therapeutischen Erstgespräch. Im eigenen Erleben hört sie ja meistens genau in dem Moment auf, in dem man den Supermarkt verlassen, ein Fenster geöffnet oder jemanden angerufen hat, was die Vermutung nahelegt, eben das habe sie beendet.
Die Stunde davor
Fast alle Betroffenen beschreiben ihre erste Attacke als völlig unvermittelt und können die oft unbewussten Gedanken nicht benennen, sondern werden erst durch die Körpersymptome aufmerksam und merken, dass etwas nicht stimmt. Genau diese Wahrnehmung hat eine Arbeitsgruppe um Alicia Meuret an der Southern Methodist University in Dallas überprüft. Die Forschenden statteten 43 Patientinnen und Patienten mit einer Panikstörung über 24 Stunden hinweg mit tragbaren Messgeräten aus, die Atmung, Herzfrequenz, Kohlendioxidgehalt und Hautleitfähigkeit aufzeichneten. In insgesamt fast 2000 Messstunden ließen sich dreizehn natürlich auftretende Attacken erfassen.
Das Ergebnis widersprach dem subjektiven Eindruck deutlich. Bereits bis zu 47 Minuten vor dem Zeitpunkt, den die Betroffenen selbst als Beginn angaben, zeigten sich messbare Unruhewellen in Atmung und Kreislauf. In den letzten Minuten vor der Attacke dominierten Veränderungen der Atmung. Was die Betroffenen als Beginn empfanden, lag demnach bereits mitten in einem Ablauf, der zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile im Gang war. Auch die unbewussten Gedanken können natürlich nicht benannt oder erinnert werden.
Die Stichprobe ist klein, und dreizehn aufgezeichnete Attacken sind eine schmale Grundlage für weitreichende Schlüsse. Für Betroffene relativiert der Befund dennoch die verbreitete Befürchtung, der eigene Körper gerate willkürlich und ohne erkennbare Ordnung außer Kontrolle. Ob sich diese Vorlaufphase auch subjektiv bemerkbar machen und damit therapeutisch nutzen lässt, ist bislang offen.
Die körperliche Abklärung
Bei aller Entwarnung bleibt ein Punkt, der nicht relativiert werden sollte. Eine Reihe körperlicher Erkrankungen kann Beschwerden hervorrufen, die einer Panikattacke sehr ähnlich sehen – Herzrhythmusstörungen, eine Überfunktion der Schilddrüse, Asthma, Unterzuckerungen, gelegentlich auch Nebenwirkungen von Medikamenten oder der Konsum von Substanzen.

Deshalb gilt: Wer zum ersten Mal eine solche Episode erlebt, sollte sie ärztlich abklären lassen; das gehört zu einer sauberen Diagnostik dazu. Auffällig sind vor allem Beschwerden, die vom typischen Muster abweichen – etwa ein Brustschmerz, der in Arm oder Kiefer ausstrahlt, eine Bewusstlosigkeit oder Symptome, die sich über Stunden hinziehen, statt nach Minuten abzuklingen. Erst wenn körperliche Ursachen ausgeschlossen sind, lässt sich sinnvoll psychotherapeutisch weiterarbeiten.
Umgekehrt bringt es wenig, dieselben Untersuchungen ein zwölftes Mal wiederholen zu lassen. Ab einem bestimmten Punkt wird die Rückversicherung selbst zum Teil des Problems, weil sie die Angst kurzfristig senkt und langfristig festigt.
Nach der ersten Attacke
Was Menschen nach einer ersten Panikattacke am spürbarsten entlastet, ist erfahrungsgemäß die Möglichkeit, jedes einzelne Symptom einem körperlichen Vorgang zuzuordnen. Das Kribbeln in den Fingern bekommt eine Ursache, der Schwindel bekommt eine, das Gefühl der Unwirklichkeit ebenfalls. Damit steht beim nächsten Mal eine zweite Lesart zur Verfügung, und sei es nur als Möglichkeit im Hintergrund.
Panikstörungen beginnen typischerweise im späten Jugend- oder frühen Erwachsenenalter, Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer, und sie gehören zu den am besten untersuchten psychischen Erkrankungen. Tobias R. hat inzwischen zwei weitere Attacken erlebt, die dritte hat er zu Hause auf dem Sofa abgewartet. Von Gelassenheit spricht er dabei nicht. Er beschreibt die Erfahrung, dass die Sache vorübergeht, auch wenn er nichts dagegen unternimmt.
Auf einen Blick: Panikattacken
1. Ein Ereignis, keine Diagnose. Eine Panikattacke ist eine plötzlich einsetzende Angstwoge mit mindestens vier körperlichen oder Wahrnehmungssymptomen, die binnen Minuten ihren Höhepunkt erreicht. Etwa jeder vierte Mensch erlebt so etwas mindestens einmal im Leben.
2. Für eine Panikstörung müssen weitere Merkmale hinzukommen. Erforderlich sind wiederholte, unerwartete Attacken sowie die anhaltende Sorge vor der nächsten, meist verbunden mit Vermeidungsverhalten im Alltag.
3. Die Symptome sind erklärbar und ungefährlich. Herzrasen, Kribbeln, Schwindel und Atemnot sind Bestandteile einer normalen Notfallreaktion des Körpers. Eine erstmalige Episode sollte dennoch ärztlich abgeklärt werden.

Häufige Fragen
Wie erkenne ich eine Panikattacke? An dem plötzlichen Beginn, dem Höhepunkt innerhalb weniger Minuten, mindestens vier gleichzeitig auftretenden Körpersymptomen und dem Abklingen nach etwa fünf bis dreißig Minuten. Typisch ist außerdem der Gedanke, gerade zu sterben, die Kontrolle zu verlieren oder verrückt zu werden.
Wie lange dauert eine Panikattacke? Meist fünf bis dreißig Minuten. Der Höhepunkt liegt in der Regel nach wenigen Minuten. Ein Zustand allgemeiner Anspannung kann danach noch Stunden anhalten, ist aber keine Attacke mehr.
Kann eine Panikattacke gefährlich werden? Nein. Es handelt sich um eine körpereigene Alarmreaktion, die sich selbst begrenzt. Bei erstmaligem Auftreten sollten körperliche Ursachen dennoch ärztlich ausgeschlossen werden.
Ist eine Panikattacke dasselbe wie eine Panikstörung? Nein. Die Attacke ist ein einzelnes Ereignis, das viele Menschen ohne jede Erkrankung erleben. Eine Panikstörung liegt erst vor, wenn Attacken wiederholt und unerwartet auftreten und die Sorge vor der nächsten den Alltag prägt.
Warum kommen Panikattacken scheinbar aus dem Nichts? Messungen zeigen, dass dem subjektiv plötzlichen Beginn oft schon eine knappe Stunde körperlicher Unruhe vorausgeht, die nicht bewusst wahrgenommen wird.
Woran unterscheide ich eine Panikattacke von einem Herzinfarkt? Diese Unterscheidung sollte man nicht selbst treffen. Ausstrahlende Brustschmerzen, anhaltende Beschwerden oder Bewusstlosigkeit gehören ärztlich abgeklärt – im Zweifel über den Rettungsdienst.
Quellen: American Psychiatric Association, DSM-5-TR (2022) · WHO, ICD-11, 6B01 · Kessler, R. C. et al.: Archives of General Psychiatry 63, 2006 · Clark, D. M.: Behaviour Research and Therapy 24, 1986 · Ehlers, A. & Margraf, J.: psychophysiologisches Modell der Panikstörung, 1989 · Meuret, A. E. et al.: Biological Psychiatry 70, 2011 · MSD Manual, Ausgabe für medizinische Fachkreise, Stichwort Panikattacken und Panikstörung
Tobias R. ist ein Fallbeispiel; Name und Einzelheiten sind verändert. Dieser Text ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung.




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