Angst vor Spritzen, Blut oder Verletzungen: Was wirklich dahintersteckt – und warum die Ängste sich gut behandeln lassen.
- Ina Ehlers
- 18. Juli
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Es gibt einen Moment, den Menschen mit Spritzenangst oft genauer beschreiben können als jedes andere Detail ihres Tages: den Augenblick, in dem die Arzthelferin das Stauband um den Oberarm legt und nach der Vene tastet. Nicht der Einstich selbst ist meist das Schlimmste, sondern diese Sekunden davor, in denen alles im Körper kippt – der Blick wird eng, die Ohren rauschen, eine Übelkeit steigt auf oder Schwindelgefühle und dann kommt dieser furchtbare Satz aus dem eigenen Inneren: „Gleich falle ich um!“ oder ähnliche Befürchtungen.
Wenn Sie das kennen, möchte ich Ihnen als Erstes sagen, dass Ihre körperlichen Reaktionen tatsächlich messbar sind. Es sind in ihrer „Mechanik“ gut erforschte Reaktion mit einem ganz eigenen Ablauf – und gerade weil dieser Ablauf so besonders ist, braucht die Spritzen-Blut- und Verletzungsangst einen anderen Umgang als fast jede andere Angst. Genau darum geht es in diesem Text: zu verstehen, was da eigentlich passiert, und daraus abzuleiten, was tatsächlich hilft.
Warum die Angst vor Spritzen anders ist als jede andere Angst
Die meisten Ängste laufen im Körper nach einem einzigen Muster ab: Das Nervensystem fährt hoch, das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, die Muskeln spannen sich – der Körper macht sich bereit, zu kämpfen oder zu fliehen. Das ist die klassische Stressreaktion, und sie erklärt, warum jemandem mit Höhenangst auf dem Aussichtsturm das Herz bis zum Hals schlägt.
Bei der Angst vor Spritzen, Blut und Verletzungen aber – in der Fachsprache heißt sie Blut-Spritzen-Verletzungs-Phobie – geschieht etwas, das sie von allen anderen spezifischen Ängsten unterscheidet. Die Forschung beschreibt hier eine sogenannte zweiphasige Reaktion (in der Literatur diphasische oder biphasische Antwort genannt). In der ersten Phase passiert dasselbe wie bei jeder Angst: Herzschlag und Blutdruck steigen an. Doch dann, und das ist das Entscheidende, folgt eine zweite Phase, die es so meist nicht gibt – Blutdruck und Herzschlag fallen plötzlich steil ab. Und dieser Abfall ist es, der zur Ohnmacht führt.
Diese Ohnmacht hat sogar einen eigenen Namen: vasovagale Synkope, ausgelöst durch eine Überreaktion jenes Nervs, der eigentlich für Beruhigung und Erholung im Körper zuständig ist. Man kann es sich so vorstellen, dass der Körper im Angesicht von Blut oder Nadel nicht auf Flucht schaltet, sondern die Notbremse zieht – und dabei über das Ziel hinausschießt.

Dass hier wirklich etwas grundlegend anderes abläuft, ist keine Vermutung. Bildgebende Studien des Gehirns haben gezeigt, dass die Blut-Spritzen-Verletzungs-Phobie neurologisch anders funktioniert als etwa die Zahnarztangst, und die Herz-Kreislauf-Messungen bei Betroffenen bestätigen dieses zweiphasige Muster immer wieder. Mit diesem Reflex lässt sich allerdings gut arbeiten.
Wenn Sie bis hierher gelesen haben und denken „ja, genau so ist das", dann verstehen Sie jetzt vermutlich zum ersten Mal, warum ausgerechnet bei Ihnen die üblichen Ratschläge nie funktioniert haben. „Entspann dich doch einfach", „atme mal tief durch", „denk an etwas Schönes" – all das zielt darauf, den Körper herunterzufahren und den Blutdruck zu senken. Bei fast jeder anderen Angst ist das grundsätzlich richtig, wenn es auch meist nicht mit diesen Sätzen funktioniert. Bei der Spritzenangst ist es genau das Falsche, denn ein sinkender Blutdruck ist ja gerade das Problem, nicht die Lösung. Wer sich hier tief atmend und locker lassend der Nadel nähert, beschleunigt womöglich genau die Ohnmacht, die er verhindern will.
Noch etwas ordnet sich jetzt vielleicht ein. Diese Angst ist häufiger, als die meisten Betroffenen denken – Schätzungen zur Häufigkeit im Lauf des Lebens liegen bei etwa dreieinhalb bis knapp fünf Prozent, wobei Frauen stärker betroffen sind. Und während sich viele andere Ängste erst im Erwachsenenalter zeigen, beginnt die Spritzenangst fast immer früh: Das mittlere Ersterkrankungsalter liegt bei etwa sechs Jahren, und nahezu alle Betroffenen entwickeln sie vor dem achtzehnten Lebensjahr. Wenn Sie also das Gefühl haben, diese Angst „schon immer" gehabt zu haben, dann trügt Sie dieses Gefühl wahrscheinlich nicht.
Das ist auch der Grund, warum die Neigung zur Ohnmacht bei dieser Phobie so ungewöhnlich ausgeprägt ist: Rund drei von vier Menschen mit einer Blut-Spritzen-Verletzungs-Phobie berichten, im Zusammenhang mit ihrem Angstauslöser schon einmal ohnmächtig geworden zu sein oder kurz davor gestanden zu haben. Bei kaum einer anderen Angst ist das so.

Was die Angst eigentlich schützt – und warum sie trotzdem im Weg steht
Ich arbeite in meiner Praxis grundsätzlich nicht gegen eine Angst, sondern zuerst mit dem Verständnis, wovor sie eigentlich „warnen“ will. Denn jede Angst, auch diese, war einmal sinnvoll. Der plötzliche Blutdruckabfall beim Anblick von Blut ergibt evolutionär betrachtet durchaus Sinn – eine der verbreiteten Erklärungen lautet, dass ein kurzzeitiges Absacken und sogar eine Ohnmacht bei schweren Verletzungen den Blutverlust verringern konnte. Der Körper tut also, überspitzt gesagt, etwas, das ihn einmal geschützt hat. Nur passt dieser uralte Schutzmechanismus nicht mehr zu einer harmlosen Blutabnahme, bei der Ihnen niemand etwas Böses will. Zudem gibt es natürlich oft noch weitere individuelle Ursachen zu berücksichtigen.
Diese Unterscheidung ist mir wichtig, weil sie den Ton für alles Weitere setzt. Es geht darum, einer übervorsichtig gewordenen körperlichen Reaktion eine neue Erfahrung anzubieten: dass diese eine Situation – die Nadel, das Röhrchen, der Geruch der Praxis – keine Gefahr mehr bedeutet. Und das kann Ihr Gehirn tatsächlich lernen.
Warum Ihr Gehirn diese Angst wieder verlernen kann
Hier kommt die Erkenntnis ins Spiel, die mich an meiner Arbeit bis heute begeistert: Ihr Gehirn ist kein fertiger, unveränderlicher Zustand, sondern bleibt ein Leben lang formbar. Die Neurowissenschaft nennt diese Fähigkeit Neuroplastizität – die Eigenschaft des Gehirns, sich aufgrund neuer Erfahrungen umzubauen.
Für die Behandlung von Ängsten bedeutet das: Wir löschen die alte Angst nicht aus Ihrem Gehirn – die Verbindung „Nadel bedeutet Gefahr" bleibt als Spur bestehen. Was aber möglich ist: daneben eine neue, stärkere Erfahrung anzulegen, die im entscheidenden Moment die Führung übernimmt. In der Fachsprache heißt dieses Prinzip Hemmungslernen (englisch inhibitory learning), und es ist der heute am besten belegte Wirkweg in der Angstbehandlung.
Der Kern dieses Lernens ist erstaunlich schlicht, und er hat mit positivem Denken nichts zu tun. Es geht um den Abgleich zwischen dem, was Sie erwarten, und dem, was tatsächlich geschieht. Fachlich spricht man von Erwartungsverletzung: Ihr Gehirn hat eine feste Vorhersage – „wenn ich diese Nadel sehe, verliere ich die Kontrolle" – und lernt genau in dem Moment um, in dem es die Erfahrung macht, dass diese Vorhersage nicht eintrifft. Je größer der Abstand zwischen Befürchtung und Wirklichkeit, desto stärker die neue Erfahrung. Deshalb reicht es eben nicht, sich die Angst nur schönzureden; Ihr Gehirn braucht die echte, körperlich gemachte Erfahrung, dass es diesmal anders ausging.

Der eine Baustein, der bei Spritzenangst über allen anderen steht
Und hier schließt sich der Kreis zu dem, was diese Angst so besonders macht. Wenn das Problem bei der Blut-Spritzen-Verletzungs-Phobie der plötzliche Blutdruckabfall ist, dann muss die Behandlung genau dort ansetzen – nicht bei Entspannung, sondern beim Gegenteil.
Es gibt eine gezielte Technik dafür, die in der Fachsprache angewandte Anspannung (englisch applied tension) heißt. Man könnte sagen: Sie geben Ihrem Kreislauf im entscheidenden Augenblick den Gegenimpuls, den er allein nicht mehr zustande bringt.
Das Bemerkenswerte ist, wie gut diese Technik belegt ist. In einer viel zitierten Studie des schwedischen Angstforschers Lars-Göran Öst waren am Behandlungsende nach strengen Kriterien rund neunzig Prozent der Menschen, die mit angewandter Anspannung gearbeitet hatten, deutlich gebessert; bei der Nachuntersuchung erreichte diese Gruppe sogar hundert Prozent – während reine Konfrontation ohne diese Technik weit dahinter zurückblieb. Andere Untersuchungen kommen zu ähnlich klaren Ergebnissen: Nach einer strukturierten Kurzbehandlung mit angewandter Anspannung gelang es einem großen Teil der Teilnehmenden, sich anschließend tatsächlich Blut abnehmen zu lassen – etwas, das für viele von ihnen zuvor über Jahre undenkbar gewesen war.
Wie ich in meiner Praxis mit Spritzenangst arbeite
Aus all dem ergibt sich mein Vorgehen fast von selbst, und es folgt einem Gedanken: erst verstehen, dann in kleinen, machbaren Schritten neu erfahren.
Am Anfang steht die genaue Betrachtung Ihrer Angst – denn „Spritzenangst" ist nicht bei allen dasselbe. Bei manchen Menschen steht die Ohnmachtsneigung im Vordergrund, bei anderen der Ekel, bei wieder anderen eine konkrete schlimme Erinnerung. Ich frage deshalb gezielt ab, ob Sie zu Schwindel oder Ohnmacht neigen, weil sich daraus ergibt, ob die angewandte Anspannung für Sie zum zentralen Werkzeug wird. Wie Ihre Angst genau aussieht, bestimmt die Werkzeuge – nicht umgekehrt.
Daraus bauen wir gemeinsam Ihre persönliche Schritt-für-Schritt-Leiter. Wir beginnen dort, wo Sie stehen, oft weit vor der realen Situation – bei Bildern, bei Filmen, beim Gedanken an die Praxis –, und tasten uns in Schritten voran, von denen jeder einzelne mit Ihnen abgestimmt und nur so groß ist, dass Sie ihn gehen können. Groß genug allerdings, dass sich etwas verändert, denn ohne Annäherung an das, wovor Sie sich fürchten, kann Ihr Gehirn die neue Erfahrung nicht machen.
Das Ganze findet nicht in einem einzelnen überwältigenden Termin statt, sondern über einen überschaubaren Zeitraum. Denn das Entscheidende geschieht ohnehin nicht in meinem Praxisraum oder unseren Online-Sitzungen in der Intensivbegleitung, sondern dort, wo Ihre Angst zu Hause ist: beim Hausarzt, im Labor, bei der realen Blutabnahme.

Wann die „Intensivbegleitung bei spezifischen Ängsten“ das Richtige ist – und wann nicht
Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich diesen Text ohne eine Einschränkung enden ließe. Eine strukturierte Intensivbegleitung für spezifische Ängste, wie ich sie u.a. anbiete, wirkt bei einer klar umschriebenen Angst, die sich gefahrlos und wiederholt üben lässt – und die Spritzenangst gehört zu den Paradebeispielen dafür. Wenn Ihre Angst aber Teil eines umfassenderen Musters ist, das viele Bereiche Ihres Lebens durchzieht, wenn wiederkehrende Panikzustände ohne erkennbaren Auslöser dazukommen oder wenn eine belastende Vorgeschichte mitschwingt, dann braucht es einen anderen, breiteren Rahmen. Genau deshalb steht am Anfang meiner Arbeit immer ein Eignungsgespräch, in dem wir in beide Richtungen prüfen, ob das Format zu Ihnen passt oder eine Psychotherapie vor Ort in meiner Praxis oder auch eine andere Form der Therapie für Ihre persönliche Symptomatik besser passt.
Was ich Ihnen aber mitgeben möchte, ist dies: Dass Sie diese Angst vielleicht seit Ihrer Kindheit mit sich tragen, sagt nichts darüber aus, wie gut sie sich verändern lässt. Ihr Gehirn hat in all den Jahren nur nie die Gelegenheit bekommen, eine neue Erfahrung zu machen, weil das Ausweichen immer schneller war als die Begegnung, die Ratschläge an der Oberfläche blieben oder die bisherigen Methoden eben nicht gegriffen haben. Diese Gelegenheit lässt sich schaffen. Und Ihr Gehirn verlernt das Umlernen nicht.
Häufige Fragen zur Spritzenangst
Ist es normal, bei einer Blutabnahme ohnmächtig zu werden?
Bei der Blut-Spritzen-Verletzungs-Phobie ist die Ohnmacht sogar ein typisches Merkmal: Etwa drei von vier Betroffenen berichten von Ohnmacht oder Beinahe-Ohnmacht im Zusammenhang mit ihrem Angstauslöser. Der Grund ist ein plötzlicher Abfall von Blutdruck und Herzschlag – eine sogenannte vasovagale Reaktion. Es ist ein körperlicher Reflex, dem man gezielt entgegenwirken kann.
Warum hilft „tief durchatmen und entspannen" bei Spritzenangst nicht?
Weil bei dieser Angst ein sinkender Blutdruck das eigentliche Problem ist. Entspannungstechniken senken den Blutdruck zusätzlich und können die Ohnmacht dadurch eher begünstigen. Wirksam ist hier das Gegenteil: eine gezielte Anspannung der großen Muskelgruppen, die Blutdruck und Herzschlag im entscheidenden Moment stabil hält.
Kann man Spritzen,- Blut- und Verletzungsangst wirklich loswerden?
Diese Ängste gehören zu den am besten behandelbaren Ängsten überhaupt. In Studien zur angewandten Anspannung waren große Anteile der Behandelten am Ende deutlich gebessert und konnten sich anschließend Blut abnehmen lassen. Voraussetzung ist eine Methode, die auf den besonderen Ablauf dieser Angst zugeschnitten ist, und die Bereitschaft, sich in kleinen Schritten wieder anzunähern.
Muss ich mich sofort einer echten Spritze aussetzen?
Nein. Eine gute Begleitung beginnt dort, wo Sie stehen – oft mit Bildern oder Filmen, lange bevor die reale Situation dran ist. Jeder Schritt wird gemeinsam geplant und ist nur so groß, dass Sie ihn gehen können. Ganz ohne Annäherung geht es allerdings nicht, denn genau sie ermöglicht Ihrem Gehirn die neue Erfahrung.




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